Nix für Lemminge 2016: Midirock, Bustiertop, Trägertop



In der Ausbildung haben wir nie mit Ablaufsplänen gearbeitet. Früh mussten wir lernen, einen Auftrag im Kopf voraus zu planen: Welche Schritte folgen aufeinander? Welche lassen sich zusammenfassen? Ist es besser, diesen Schritt nach vorne zu ziehen? Wie lässt sich Zeit sparen?

So halte ich es immer noch. Vieles läuft mittlerweile automatisch, sodass ich nicht mehr über bestimmte Abläufe nachdenken muss, sondern genau weiß, welche Reihenfolge die Schritte haben werden.

Dennoch gibt es Projekte, die anders laufen als geplant. Für dieses dreiteilige Set für meine Nix für Lemminge Märchen-Kollektion musste ich kurzfristig umdenken. Es ist zwar nichts komplett Anderes entstanden, aber meinen ursprünglichen Plan konnte ich nicht umsetzen.
We never used work plans in our bespoke tailor shop. We, the apprentices, had to learn early on to plan assignments in our heads, to know exactly which step comes first, how we could save time.

I still do this. I think about the garment I’m making and all the steps before starting. Many things come naturally to me now, I don’t have to think a lot about them.

But sometimes there are projects that don’t go as planned. Like this three piece set. I made it for a German sewing challenge called „Nix für Lemminge“, where we choose a theme and make a little collection. I picked the themes „men’s wear“ and „fairy tales“.


Scuba / Jersey

Der Stoff mit den Blütenranken war bei Stoff & Stil als „Scuba“ bezeichnet. Ich habe Scuba als festen, Neopren-artigen Stoff kennen gelernt, angelehnt an Tauchbekleidung. Während ich auf die Lieferung wartete, entwarf ich für diesen Stoff einen Faltenrock in Midi-Länge, der durch das feste Material einen schönen Stand haben würde.
Das Muster erinnerte mich an Dornröschen und mit Ranken überwucherte Schlossmauern.

Der Stoff entpuppte sich als eine Art Jersey. Er ist fester als ein Standard-Single Jersey, aber dennoch ohne jeglichen Stand. Hm. Wer mir folgt, weiß, dass ich kein Fan von Jersey bin. Nach der ersten Enttäuschung konnte ich wenig mit dem Stoff anfangen.

Meine erste Überlegung war, den Stoff mit Einlage zu verstärken. Diese Idee verwarf ich schnell wieder. Erstens waren mir die Kosten zu hoch, zweitens war ich mir nicht sicher, wie gut eine unelastische, steife Einlage auf dem elastischen Stoff halten würde, und drittens hätte ich den Rock dann füttern wollen, damit man die Einlage auf der linken Seite nicht sieht – mehr Kosten, mehr Aufwand. Beides hatte ich nicht eingeplant, wollte auch nicht nachgeben.

Midirock


Jersey / Scuba

I spotted this fabric in an online shop where it was called scuba. Expecting a firm, stiff fabric from my experiences I had so far with scuba material, I drafted a midi length skirt with pleats that would look gorgeous with the fabric’s stand.

When the fabric arrived, I was kinda disappointed: the fabric was more like jersey, slinky, soft, and without any stand. I knew my original plan wouldn’t work, plus I’m not a big fan of jersey.

I thought about using fusible interfacing to stiffen the fabric, but decided against it; I didn’t want to spend more money than I planned and wasn’t sure if the interfacing would stick to the stretchy fabric.

Midi skirt



Meinen ursprünglichen Entwurf eines Midirocks mit passendem Bustiertop wollte ich aber nicht verwerfen. Nach einigem hin und her überlegen und drapieren entschied ich mich, mein Maxirock-Schnittmuster zu verwenden.
Flatterige Röcke mag ich am liebsten, dafür eignet sich der Scuba gut. Durch seine Anspruchslosigkeit muss er auch nicht gesäumt werden.

Über den Bund hingegen habe ich mir viele Gedanken gemacht. Normalerweise nähe ich einfach einen Tunnel mit Gummizug an den Rock, so ist meine Garderobe auch etwas variabel in der Größe.
Für den Rock kam mir das zu langweilig vor. Inspiriert von dem Gedanken an verschlungene Ranken habe ich 1 cm breite Stofftunnel genäht und verschiedene Webmuster ausprobiert.
Not wanting to do something completely different with the fabric, I used my maxi skirt pattern to create a flowy skirt. That’s my style anyway. The fabric doesn’t fray, so I didn’t do a hem.

I thought a lot about the waistband. My fairy tale theme is rather dark, and I felt inspired by sleeping beauty’s castle overgrown with vines.
I made these fabric strips and tried to weave them into a pattern.

Bei dieser diagonalen Variante bin ich schließlich hängen geblieben. Leinwandbindung um 45° gedreht.
Ähnliche Details hatte ich vorher an Vintage-Kleidung gesehen, aber nie in dem Ausmaß.
Die Kanteneinfassung oben hatte ich eingeplant, die untere ergab sich. Nach dem Ansetzen des Bunds an den Rock habe ich die Rockteile um die Nahtzugaben gelegt und im Nahtschatten abgesteppt – viel harmonischer als nur angenäht.

Das Detail gefällt mir richtig gut, vor allem da es erst auf den zweiten Blick richtig ersichtlich ist.

Bustiertop


This diagonal version is what I stuck with. I have seen similar details on vintage dresses, but never this excessively.

Cami top




Das Bustiertop basiert auf Kleid 112 aus Burda Style 05/2011. Die Cups sind leicht wattiert. Durch den elastischen Stoff konnte ich mir auch den Verschluss sparen, der mir einiges an Kopfzerbrechen beschert hat.

(Das Top ist übrigens ein gutes Beispiel für ein Kleidungsstück, das Stäbchen vertragen könnte – der Stoff schiebt sich etwas nach oben und bildet Falten unter der Brust. Mehr dazu könnt ihr in meiner Anleitung zur Verarbeitung von Stäbchen lesen. — Das Top bleibt aber so.)

Trägertop


The cami top is based on a Burda Style dress. I padded the cups slightly.
Since the fabric is stretchy, I didn’t need a button or zipper closure. I was glad about that, because I didn’t feel inspired in this department.

(Btw — this top is a good example of a garment that could use boning. The fabric slips up. You can read more in my tutorial on how to use plastic boning.)

Strappy top


Etwas Stoff hatte ich noch übrig. Spontan entwarf ich ein lockeres Trägertop aus meinem Grundschnitt. Ich musste eine Naht in der vorderen und hinteren Mitte hinzufügen, was mir an dem Top aber gut gefällt.
Der fließende Stoff schoppt schön, wenn er in den Bund gesteckt wird – genau mein Stil.

I had a bit of fabric left, so I used my sloper to create this strappy top. I had to put a seam in the front and center back, but I actually like that detail.

Für die Träger habe ich schmale Stofftunnel zu einem breiteren Band geflochten. Bei dem elastischen Stoff klappt das Wenden mit einer Wendenadel super. Schade, dass es nicht immer so einfach funktioniert.
Auch dieses Detail war von den Ranken inspiriert. Die Träger selbst sollten auch etwas Verschlungenes haben. Inspiration zu der Trägerlösung habe ich mir auf Pinterest geholt.

Nix für Lemminge: Stand der Kollektionen

Mit meinen beiden NfL-Kollektionen komme ich sehr gut voran. Zur Erinnerung:
Themenvorstellung, Entwürfe, Moodboard, Details.

Nur die beiden Hosen müssen noch fertig gestellt werden. Bei beiden fehlt noch der Bund und die Saumverarbeitung. Kein großes Ding also. Ob ich strebermäßig noch Extrateile fertigen kann, weiß ich nicht. Im Oktober fängt das Semester an, da werde ich mit anderen Dingen beschäftigt sein.

Liegt ihr gut in der Zeit?

Verlinkt beim MeMadeMittwoch, 12 letters of handmade fashion & DIY your closet.
For the straps, I braided fabric strips. I wanted to keep the theme of twisted vines, and came up with this solution. I quite like the straps, they’re something different.

33 Kommentare

  • Bele um 7:50

    Sehr schöne Details!
    Manchmal ist es ja nicht schlecht, wenn ein Material sich als ganz anderer Charakter entpuppt und die eigene Kreativität fordert.
    LG, Bele

    • Jenny um 8:51

      Da hast du vollkommen recht! Die Herausforderung hat letzten Endes auch Spaß gemacht.
      Danke für deinen Kommentar! 🙂

  • Sewionista um 7:52

    Wunderschön geworden! Der Stoff hat wirklich wenig von einem richtigen Scuba, schön, dass du deine Idee dennoch retten konntest. Mir gefallen vor allem die schönen Details, wie das Webmuster am Bund und die geflochtenen Träger.

    Liebe Grüße
    Julia

  • Moni K. um 8:19

    Stoffbestellung per Internet ist immer ein Glücksspiel, da muss man flexibel sein! Deine Ergebnisse finde ich sehr schön und sie passen gut zu deinem Stil.
    Ich bewundere immer deine technischen Details und lese fasziniert deine Anleitung.
    LG Monika

    • Jenny um 8:50

      Ja, das ist klar – bisher hatte ich immer Glück. 🙂 Ich gehe nur in den Stoffladen, wenn ich wirklich genaue Vorstellungen habe.

      Danke, das freut mich! 🙂

  • ak-ut um 8:20

    unter scuba hätte ich mir auch etwas anderes vorgestellt, doch sehr gelungen, was du daraus gemacht hast. besonders gut gefällt mir das geflochtene detail
    lg anja

    • Jenny um 8:52

      Dann bin ich ja nicht die einzige, die von der Bezeichnung verwirrt ist. Danke für den Kommentar, Anja!

  • Malou um 8:35

    Scuba lässt mich immer an Taucheranzüge denken, allerdings musste ich auch schon lernen, dass ich damit etwas daneben liege. Die Verwandlung des Faltenrocks in ein zu Stoff und Thema passendes Set ist dir super gelungen. Ich mag die vielen kleinen Details.
    Viele Grüße,
    Malou

    • Jenny um 8:53

      Dann ist das vermutlich so eine Trend-Sache, bei der die Bezeichnung sich so lange ändert, bis sie wenig mit dem Ursprung zu tun hat. Für die Zukunft weiß ich das und bestelle erst mal ein Muster. 😉

      Danke für deinen lieben Kommentar!

      • Martina um 10:29

        Ach nein. Mach das doch wieder – aus dem „falschen“ Material was zaubern.

        • Jenny um 11:24

          Hat auch was für sich, stimme ich zu.

  • Nria um 8:52

    Ein tolles Set! Geflochtene Träger mag ich sehr gerne und dein Bunddetail begeistert mich total! 😀

    • Jenny um 8:54

      Hallo Nria, vielen Dank! 🙂 Das freut mich!

  • Susanne um 9:00

    Schönes Set! Und die feinen Details, die erst auf den zweiten Blick ins Auge fallen, machen das Set besonders. Sehr gelungene, dem Stoff geschuldete Anpassung.
    LG von Susanne

    • Jenny um 10:30

      Danke Susanne! 🙂 Mit dem Stoff musste ich etwas umdisponieren, aber ich finde das Ergebnis auch gelungen.

  • Martina um 10:28

    Tolle Kombi. Das Top mit den verschlungenen Trägern gefällt mir am besten. Und natürlich der Bund vom Rock – der ist großes Kino! Ist der Bund immer noch dehnbar oder ist da irgendwo ein Reissverschluss?
    LG
    Martina

    • Jenny um 10:30

      Hallo Martina, danke für deinen Kommentar!
      Der Bund ist immer noch dehnbar dank des elastischen Materials. 🙂

  • Koko um 12:43

    Hallo liebe Jenny❤️Das ist ja so so toll geworden. Die Details sind ja mega schön. Die viele Arbeit hat sich gelohnt. Der Stoff gefällt mir auch sehr gut. Und so ein paar Röcke brauche ich noch für den Herbst. Im Moment trage ich am liebsten die Maxiversion. Liebe Grüße aus Köln❤️️Koko

    • Jenny um 10:45

      Vielen Dank liebe Koko! Solche Röcke kann man immer gebrauchen. Maxiröcke sind gerade auch ganz groß bei mir!

  • a um 17:03

    Das Muster finde ich ganz ganz toll. Über den Bund und die Träger kann ich nur staunen. Es ist so originell und sieht so schön aus. Dafür, das alles aus einem für Dich nicht passenden Stoff ist, hast Du ein tolles Kleid gezaubert. LG Angela

    • Jenny um 10:46

      Danke Angela, das ist nett! 🙂 Das Muster finde ich auch ganz toll.

  • SaSa um 17:07

    Dein Märchen-Outfit gefällt mir unheimlich gut! Wie schön, dass Du trotz des eigentlichen Stoff-Reinfalls durchgehalten und Deine Idee eben abgeändert umgesetzt hast. Die vielen Flechtdetails sind so hübsch und passen wunderbar zu dem Thema. (Vielleicht lässt es sich jetzt noch besser tragen, ich stelle mir so dickes Skuba ziemlich schwitzig als Sommertop vor.) Außerdem hast Du wieder so traumhafte Fotos gemacht. Wie schön!
    Liebe Grüße, SaSa

    • Jenny um 10:48

      Ja, der Stoff ist auf jeden Fall schön luftig. Mit dem Scuba hätte ich das Top anders hergestellt. Aber so bin ich auch zufrieden. 🙂
      Danke für deinen netten Kommentar!

  • Julia um 22:08

    Wow, das ist ja ein tolles Outfit! Super spannend, mit den verflochtenen Bändern. Steht dir ausgezeichnet.

    Alles Liebe,

    Julia

  • DreiPunkteWerk um 22:45

    Ich bin immer wieder hingerissen von dem, was du machst und wie du es machst 🙂
    Herzliche Grüße,
    Kathrin

    • Jenny um 10:26

      Danke für deinen, wie immer, lieben Kommentar Kathrin! 🙂

  • Zuzsa um 15:54

    Ein Traumteil! Und Respekt, dass du ihn umgesetzt hast… Ich weiß wie sehr es einen zurückwerfen kann, wenn man sich schon ganz konkrete Pläne zu einem Stoff gemacht hat und er dann ganz anders als erwartet ausfällt. Lg, Zuzsa

    • Jenny um 13:49

      Danke! 🙂 Ich hatte das auch vorher schon, oft Farbabweichungen von den Online-Darstellungen. Das finde ich aber in der Regel nicht so dramatisch. Wenn ich eine exakte Farbe suche, gehe ich sowieso in den Stoffladen. Aber im Endeffekt bin ich sehr zufrieden mit dem Set. 🙂

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