BS & BS: ein kleiner Ausflug in die Fashion-Industrie

Seit ein paar Wochen seufze ich innerlich beim Durchblättern der BurdaStyle genervt auf.
Das Thema Diversität und Medien ist eins meiner liebsten Aufreg-Themen. Darum auch der Titel; zweimal BS: einmal für BurdaStyle und einmal für Bullshit. (Clever, right? Erstaunlicherweise war der Titel noch vor dem Blogeintrag da.)

Klar, die BS ist nicht die Elle, Vogue und wie sie noch alle heißen. Das muss auch gar nicht sein. Bei einem Heft, das ich mir wegen der Schnittmuster und Nähtipps kaufe, erwarte ich keine spektakulären Fotostrecken in fernen Ländern, es geht mir um die Modelle. Aber gut, die aufwändigen Shooting-Fotos sind in der Regel ja schön anzugucken und machen oft Lust auf was Neues. Um die „detailgetreuere Bilder vs. High End-Aufmachung“-Diskussion, auf die ich an verschiedenen Stellen schon mal gestoßen bin, soll es hier gar nicht gehen.

Wahrscheinlich war es die Plus-Fotostrecke der aktuellen Ausgabe (6/2012), die mich schließlich dazu bewogen hat, mal meine Beobachtungen aufzuschreiben.
Das hier ist ein Denkanstoß. Ich hoffe, er erfüllt seinen Zweck.

 
Okay, wo anfangen? Erstens: ich besitze nur ein einziges BS-Heft, in dem ein Model vorkommt, das nicht weiß ist. Ziemlich trauriger Schnitt dafür, dass in jedem Heft ungefähr fünf Fotostrecken vorhanden sind – was mindestens fünf unterschiedliche Models bedeutet. Dass es Models gibt, die nicht weiß sind, dass es kein größerer Aufwand ist, solch ein Model zu buchen als ein weißes, steht außer Diskussion. Also sollten wir uns vielleicht die Frage stellen, warum in unserer aufgeklärten, aufgeschlossenen, post-everything Gesellschaft people of colour in der Medienlandschaft kaum (vor allem angemessen, heißt nicht als Abklatsch eines Stereotyps oder durch white washing verfremdet) repräsentiert werden.

 
Zweitens: Die eingangs bereits erwähnte Plus-Fotostrecke im Juni-Heft 2012. Weiße Frau im fernen, exotischen Afrika, umringt von Landeseinwohnern mit traditionellem landestypischen (was der Betrachter zumindest vermuten muss) Gewand, Kopfschmuck, Gesichtsbemalung.
Geht ja mal gar nicht.
Nicht nur, dass diese Kolonialismus-Masche total einfallslos und schlichtweg alt ist – people of colour als Accessoire für das weiße Model zu benutzen ist schon verdammt beleidigend. Der Post „Background Color“ auf dem englischsprachigen Blog Racalicious bringt das Problem perfekt auf den Punkt:

Much has been written about the uses of people of color as part of the landscape in fashion editorials. […] This cliché includes “exotic” locales and touristic images of the “natives,” who wear clothes and other adornment that are imagined as traditional and time-bound. (In Viet Nam, a frequent setting, these might be so-called pajamas and conical hats; in the often-undifferentiated Africa, also a regular landscape, loincloths and face paint). The deliberate contrast between these figures (native and model) is arranged along a spectrum of race, but also time and space. The Vietnamese, the African, the Peruvian, are imagined to live at a temporal and geographic distance from the modern, and implicitly Western, woman who might wear these fashionable clothes. The compulsion to return to this scene, through which the natives in their deindividuating garb serve to highlight the cosmopolitanism, the expressive and unique sense of self, of the woman who wears (or at least covets) Prada, reveals much about the continuing investments of fashionable discourses to an inheritance of colonial regimes of power and knowledge.

Nochmal auf deutsch zusammengefasst: Das Klischee der „exotischen“ Einwohner wird eingesetzt, um das Model bewusst in einen Kontrast zu diesen zu setzen, nicht nur was die Hautfarbe angeht, sondern auch Raum und Zeit. Diese „fremden Kulturen“ werden dargestellt, als würden sie fernab von der modernen, zivilisierten Welt existieren, die durch das weiße westliche Model symbolisiert wird, das in ihren Fashion-Shoot-Klamotten in diesem Umfeld besonders kosmopolitisch, individuell und selbstbestimmt wirken soll. Ich denke da lassen sich einige Parallelen zu Darstellungen von Weißen versus people of colour aus der Kolonialzeit ziehen. Welches Jahr schreiben wir nochmal?

 
Abschließend: Kauft die BurdaStyle oder jedes andere Magazin oder auch nicht, aber tut das mit offenen Augen. Keine „dagegen kann man doch sowieso nichts machen“-Ausreden. Denkt nach. Sensibilisiert euch. Seid von mir aus anderer Meinung wie ich – aber habt wenigstens eine.

3 Comments

  1. Flügel

    Oh es ist schön, dass es Leute gibt, die sich auch kritisch mit dem Thema befassen und darüber schreiben.
    Ich selbst bin nicht so sehr an Fashion interessiert, als dass ich mich intensiv damit befasst hätte. Allerdings sind deine Erkenntnisse und Rückschlüsse wirklich – ja, in gewisser Weise erschütternd. Besonders diese Plus-Fotostrecke geht ja mal gar nicht 🙁

  2. Jenny

    @Flügel: Für Mode interessiere ich mich auch nicht so, eher fürs Klamotten selbst machen. 😉

    Besonders schlimm finde ich, dass wir gar nicht mehr merken, wie wir beeinflusst werden und solche Fotostrecken als „normal“ ansehen und gar nichts Erschütterndes daran sehen.

  3. me.anna

    Hallo Jenny,
    ich finde Deinen Post sehr gelungen. Bei der Fotostrecke im letzten Heft („Weiße Frau im fernen, exotischen Afrika“) hatte ich ähnliche Gedanken. Das war wirklich zu viel. Und obwohl es von da nicht weit ist, ist mir Dein erster Punkt noch nicht bewusst gewesen. Danke für’s Augen offen halten!!
    Habe ich schonmal geschrieben, dass ich Deinen Blog insgesamt sehr gelungen finde? Finde ich 🙂
    Lieben Gruß
    Melanie

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